18. Juli 2025
Wir bauen auf Erinnerung

Manche Lebensläufe spiegeln die Brüche eines ganzen Jahrhunderts wider. Sie erzählen vom Rausch des Fortschritts, von der Wucht der Zerstörung und von der stillen Kraft der Erneuerung. Der Lebensweg meines Vaters ist ein solcher.
Der Rausch des Fortschritts
Mein Vater wurde 1926 geboren, in jenem Jahr, in dem in Leipzig das Großplanetarium eröffnete, das damals modernste der Welt. Es war eine Zeit des technischen Aufbruchs, des unbändigen Glaubens an die Machbarkeit, an den Fortschritt. Die Welt schien vermessbar, beherrschbar, gestaltbar. Mein Vater wuchs in diesem Geist auf, in der Begeisterung für die Technik, für die Wissenschaft, für das Neue.
Als junger Mann wurde er Fallschirmjäger, einer Eliteeinheit, die für Kühnheit und Wagemut stand. Er war Teil einer Maschinerie, die den Fortschritt auf die Spitze trieb und ihn zugleich pervertierte. Die Technik, die der Menschheit dienen sollte, wurde zum Instrument der Zerstörung.
Die Wucht der Zerstörung
Der Krieg führte meinen Vater an viele Orte, auch in die Normandie, an die Schauplätze der Invasion. Er überlebte, wo viele seiner Kameraden fielen. Er kehrte zurück, gezeichnet von den Erlebnissen, von der Wucht der Zerstörung, die er gesehen und an der er teilgehabt hatte.
Auch das Leipziger Planetarium, das Symbol des Fortschritts, in dessen Geburtsjahr mein Vater geboren wurde, fiel der Zerstörung anheim. 1943 wurde es bei einem Luftangriff zerstört, von jenem Himmel, den es den Menschen hatte näherbringen wollen. Es wurde nie wieder aufgebaut.
Die Zerstörung des Planetariums und die Erlebnisse meines Vaters im Krieg sind für mich zu einem Sinnbild geworden. Einem Sinnbild für das Scheitern eines Fortschrittsglaubens, der den Menschen und die Natur aus dem Blick verloren hatte. Einem Sinnbild für die Notwendigkeit, neu zu denken, neu zu bauen.
Die stille Kraft der Erneuerung
Nach dem Krieg baute mein Vater sich ein neues Leben auf. Er fand zu einer neuen Haltung, einer Haltung der Demut, der Bescheidenheit, der Verbundenheit. Er lernte, die kleinen Dinge zu schätzen, die Schönheit der Natur, die Wärme menschlicher Begegnung.
Diese Haltung hat er mir vorgelebt, und sie ist zur Grundlage meines eigenen Denkens und Handelns geworden. Sie ist der Kern dessen, was wir im Resonanz-Labor zu verwirklichen suchen. Es geht uns nicht um einen blinden Fortschrittsglauben, sondern um eine neue Beziehung zur Welt, eine Beziehung der Resonanz, der Achtsamkeit, der Verantwortung.
Wir bauen auf Erinnerung. Auf die Erinnerung an die Brüche des vergangenen Jahrhunderts, an die Katastrophen, die ein entfesselter Fortschritt hervorgebracht hat. Aber auch auf die Erinnerung an die stille Kraft der Erneuerung, an die Fähigkeit des Menschen, aus den Trümmern neu zu beginnen.
Der Resonanz-Dome, den wir errichten wollen, ist auch ein Erinnerungsort. Ein Ort, der an das zerstörte Leipziger Planetarium erinnert, an den gescheiterten Fortschrittsglauben. Aber zugleich ein Ort, der eine neue Vision verkörpert, eine Vision der Verbundenheit, der Resonanz, der Nachhaltigkeit.
Er ist ein Ort, an dem wir aus der Geschichte lernen, um die Zukunft zu gestalten. Ein Ort, an dem wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, sondern überwinden. Ein Ort, an dem wir eine neue Beziehung zur Welt einüben, eine Beziehung, die von Respekt und Achtsamkeit geprägt ist.
Mein Vater hat die Brüche des 20. Jahrhunderts durchlebt. Er hat den Rausch des Fortschritts erlebt, die Wucht der Zerstörung und die stille Kraft der Erneuerung. Sein Leben ist für mich Mahnung und Ermutigung zugleich. Mahnung, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Und Ermutigung, an eine bessere Zukunft zu glauben und an ihr zu bauen.
In diesem Sinne ist der Resonanz-Dome auch eine Hommage an meinen Vater, an seine Lebensgeschichte, an seine Haltung. Er ist ein Versuch, das, was er mich gelehrt hat, weiterzugeben, an die kommenden Generationen. Ein Versuch, auf Erinnerung zu bauen, um eine Zukunft zu schaffen, die der Vergangenheit gerecht wird.
Denn nur, wer sich erinnert, kann aus der Geschichte lernen. Und nur, wer aus der Geschichte lernt, kann eine bessere Zukunft gestalten. Wir bauen auf Erinnerung, um eine Welt zu schaffen, in der der Mensch und die Natur wieder in Resonanz zueinander stehen.
Mehr dazu, wie aus Erinnerung Zukunft wächst, in unserem Gruß vom kleinen Prinzen an das 2. Resonanz-Labor im Schul-Garten...
Jan Hüfner