1. Juli 2025
Über die Kunst, unsere (Mit-)Welt zu verstehen

An einem sonnigen Nachmittag im Juni, im Rahmen der
bundesweiten Erdfest-Bewegung, wurde unser Format „Resonanz-Labor im
Garten“ zum Schauplatz eines stillen Abenteuers. In der Begegnung mit
Pflanzen, Insekten und der eigenen Wahrnehmung entstand ein Raum für
jene Kunst, die wir alle verlernt zu haben scheinen: das Verstehen
unserer Mitwelt.
Wir hatten eingeladen, die Perspektive zu wechseln. Nicht über die
Natur zu sprechen, sondern mit ihr. Nicht zu analysieren, sondern zu
spüren. Was geschieht, wenn wir uns einer Pflanze nähern, nicht als
Forscher, sondern als Mitwesen? Was, wenn wir versuchen, die Welt aus
der Sicht einer Biene, eines Käfers, eines Baumes zu sehen?
Die Antworten, die wir fanden, waren so vielfältig wie die
Teilnehmenden selbst. Manche entdeckten eine neue Zärtlichkeit im Blick
auf das Kleine, das Übersehene. Andere spürten eine tiefe Verbundenheit,
ein Gefühl des Eins-Seins mit der Natur. Wieder andere stießen an die
Grenzen ihres Verstehens, an die Fremdheit und das Geheimnis des
Anderen.
Genau darin aber liegt die Kunst, von der wir sprechen. Es geht
nicht darum, die Natur vollständig zu begreifen, sie zu durchschauen, zu
beherrschen. Es geht darum, eine Beziehung einzugehen, einen Dialog zu
führen, eine Resonanz zu erzeugen. Es geht darum, das Andere als Anderes
anzuerkennen und ihm dennoch nahe zu sein.
Diese Kunst des Verstehens ist keine intellektuelle Übung. Sie ist
eine Haltung, eine Praxis, eine Art zu sein. Sie verlangt von uns, dass
wir unsere Gewissheiten loslassen, unsere Kategorien hinterfragen,
unsere Sinne öffnen. Sie verlangt von uns, dass wir uns berühren lassen,
dass wir uns verwandeln lassen.
Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry hat es gewusst: „Man
sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar.“ Es ist diese Weisheit des Herzens, die wir im Resonanz-Labor
zu kultivieren suchen. Eine Weisheit, die nicht im Kopf entsteht,
sondern im ganzen Wesen. Eine Weisheit, die uns lehrt, die Welt nicht
nur zu sehen, sondern zu fühlen, nicht nur zu verstehen, sondern zu
lieben.
In einer Zeit, in der die Entfremdung von der Natur immer weiter
voranschreitet, in der die ökologische Krise sich zuspitzt, ist diese
Kunst des Verstehens wichtiger denn je. Denn nur, was wir lieben, werden
wir schützen. Und nur, was wir verstehen, können wir lieben.
Das „Resonanz-Labor im Garten“ war ein kleiner Schritt auf diesem
Weg. Ein Versuch, die Kunst des Verstehens wieder zu erlernen, sie zu
üben, sie zu teilen. Ein Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem
Begegnung möglich wird, in dem Resonanz entstehen kann.
Wir danken allen, die dabei waren, die sich eingelassen haben auf
dieses Abenteuer der Wahrnehmung. Und wir laden alle ein, die diesen Weg
mit uns weitergehen wollen. Denn die Kunst des Verstehens ist eine
Kunst, die wir nur gemeinsam erlernen können.
Jan Hüfner
Foto: Rebecca Gasson
Cornelia Rank: Äpfel als Gegenüber, als Du statt Es

