3. Mai 2026
Eine Eiche für den Frieden

von Jan Hüfner
Verbindung
Ich habe einen Baum gepflanzt. Einen Schößling der tausendjährigen Eiche aus Nöbdenitz, dem Geburtsort meines Vaters. Am Cole-Monument für die gefallenen amerikanischen Fallschirmjäger, in Carentan-les-Marais, Normandie.
Mein Vater war selbst als junger deutscher Fallschirmjäger an diesem Ort. Vielleicht hat er genau hier gekämpft, genau hier überlebt, wo viele seiner Kameraden und vermeintlichen Gegner gefallen sind. Vier Tage nach der Pflanzung feierte er seinen 100. Geburtstag.
Die tausendjährige Eiche in Nöbdenitz gilt laut Guinness-Buch als älteste Stieleiche Europas. Ihr Stamm misst fast dreizehn Meter Umfang, ihr Inneres ist hohl, und seit 1824 trägt sie in sich eine Grabstätte. Trotzdem treibt sie jedes Jahr neues Laub und bringt frische Eicheln hervor.
Aus einem ihrer Schößlinge wächst jetzt in der Erde der Normandie etwas Neues. Bei der Pflanzungszeremonie sprach die Bürgermeisterin von Carentan. Sie sagte, auf Französisch und Deutsch: Diesen aus einer tausendjährigen Eiche stammenden Baum zu pflanzen, ist eine Geste der Weitergabe. Sie verbindet Generationen, Orte und Geschichten. Ein Baum lässt die Vergangenheit nicht verschwinden. Aber er erinnert uns daran, dass das Leben neu entstehen kann, auf eine andere Weise. Denn Frieden ist niemals selbstverständlich: Er muss gepflegt werden, wie dieser Baum.
Diese Worte hätte ich selbst nicht besser sagen können. Ich hätte es auch nicht versucht. Vielleicht ist es das Einfachste, was man in einem solchen Fall resonant wirklich tun kann: Ein Bäumchen, das aus dem Samen eines tausendjährigen Stammes am Geburtsort eines Überlebenden gewachsen ist, wächst in einem Boden, den vermeintliche Feine gemeinsam getränkt haben. Diesen neuen Baum interessiert es nicht, wer ihn gepflanzt hat. Bäume sind neutral. Sie werden allenfalls als Schutzschild oder nationalistisches Symbol missbraucht. Verbindung hingegen entsteht nicht durch Einigung über die Vergangenheit allein. Vielmehr durch die gemeinsame Zuwendung zu dem, was weiter wächst, wachsen darf...

Bild und Hintergrund: Wir bauen auf Erinnerung
Misstrauen
Ich konnte in der Normandie stehen, weil dieser eine Krieg seit achtzig Jahren längst vergangen ist. Aber es gibt Krieg. Jetzt. In der Ukraine. Auf einem Boden, in dem vor achtzig Jahren im Kessel bei Charkow, im Donbass viele Soldaten begraben hat. Manche dieser Orte kennen wir aus Geschichtsbüchern, manche aus Tagesnachrichten. Manche aus beidem. Aber bemerken wir das überhaupt noch?
Wir sind alle daran beteiligt. Mit Positionen, Sanktionen, Waffenlieferungen... Wer in Europa lebt, ist nicht außen vor. Schon gar nicht in Deutschland und seiner Vergangenheit. Hätte mein Vater an der Ostfront gekämpft, vielleicht sogar irgendwo zwischen Charkow und Donezk, dann wäre die Frage, ob ich es gewagt hätte, den Schössling in der Ukraine (oder gar in Russland) zu pflanzen. An einem Ort, an dem heute wieder Menschen sinnlos sterben müssen.
Wen hätte ich dort zu einer solchen Zeremonie einladen sollen? Welchen Bürgermeister, von welcher Seite der Front, mit welcher Genehmigung und auch: mit welchen Argumenten? Hätte ich mich das wirklich getraut? Einen Baum genau dort zu pflanzen, wo gerade wieder getötet wird? Zwischen zwei Arten von Misstrauen. Hätte ich die Gefahr auf mich genommen, um ein Zeichen zu setzen? Nicht für eine Seite und in der Ahnung, dass diese Geste als Symbol vereinnahmt würde.
Eine solche Aktion hätte sicher sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, viel mehr jedenfalls als ein Baum in der Normandie. Aber wir spüren: Aufmerksamkeit ist nicht zwingend Resonanz. Manchmal ist sie sogar ihr genaues Gegenteil. Resonanz ist nicht Echo, das laut zurückgibt. Wer sie schaffen möchte, wirkt leise und dort, wo noch beide Seiten erreichbar sind.
Hätte der Baum dort überhaupt eine Chance gehabt, Wurzeln zu schlagen? Alt wie ein Baum zu werden? Wäre er nicht vielmehr einfach abgewiesen worden, von einem Boden, in dem zu viel Tragik vergraben ist? Frisches Eisen neben dem alten? Frisches Blut neben dem längst versiegten? Ich habe keine Ahnung und spüre nur, dass das keine hypothetischen Fragen sind. Wir leben mit ihnen, ob wir uns ihnen aufrichtig stellen oder nicht…
Polarisierung
Ich frage mich, wie eine solche Pflanzung in Deutschlands Medien aufgenommen worden wäre? Wer mit einem Baum nach Donezk reist, ist verdächtig. Verdächtig, die falsche Seite zu unterstützen, naiv zu sein.
Erst recht, wenn ich dabei meinem Beruf treu geblieben wäre, also neutral, ohne Lager. Dann wäre der Vorwurf nicht milder, sondern vielleicht noch härter. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das kenne ich noch von früher.
Es gäbe vielleicht formale Konsequenzen: Reisewarnungen, Sanktionen, Ermittlungsverfahren. Welche informellen Konsequenzen gäbe es darüber hinaus noch zu erwarten? Ein Mediator lebt von seiner Glaubwürdigkeit. Auftraggeber wären zumindest aus Angst vor eigenen Konsequenzen verunsichert. Mandanten würden zögern. Geldgeber müssten sich erklären oder distanzieren. Und vor allem die Aufforderung, sich zu positionieren: Sag mir, wo du stehst! Und welchen Weg du gehst?
Wo stehen wir eigentlich, dass eine Geste der Weitergabe so bedrohlich erschiene? In welcher Geschichte befinden wir uns, dass öffentliche Zuordnung zu einer Seite den Verlust beruflicher Voraussetzungen bedeuten könnte? Diese Logik ist nicht neu. Sie kennt zwei Auflagen im 20. Jahrhundert. Sie kennt nicht nur Aktenzeichen und Öffentlichkeit. Sie kennt auch die Stille, in der selbst lange Freundschaften herausgefordert werden oder gar plötzlich auseinanderfallen.
Die Wahlergebnisse der letzten Jahre, gerade die im Osten, lese ich nicht primär als Verschiebung nach rechts. Vielmehr als Reaktion auf eine Logik, in der die Mitte verloren geht. Wer in der Schule, im Verein, am Mittagstisch lange genug erlebt hat, dass eine bestimmte Antwort Voraussetzung ist, sucht irgendwann nach Auswegen, um sich mitteilen zu können, um nicht stumm bleiben zu müssen oder gar krank zu werden. Auch wenn die Adresse nicht zu ihm passt. Oder er passt sich an, wenn die Sorge um die eigene Existenz größer ist als das Bedürfnis, sich zu öffnen.
Aus Sicht der Resonanz wäre die Antwort darauf nicht weitere Ausgrenzung. Sie wäre das Bereiten von Räumen, in denen diese Lagerlogik aussetzen kann. In denen das, was als „extrem“ markiert ist, erst einmal gehört, bevor es entstellt wird. Demokratie ist nicht das Ergebnis ausgehandelter Lager. Sie ist vielmehr die notwendige Bedingung dafür, Lager zur Verständigung und Annäherung einzuladen.
Hoffnung
Ich bin systemischer Mediator. Das ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Haltung: Allparteilichkeit. Sie bedeutet nicht, dass mir alles egal ist. Als Mediator suche ich nicht nach einem Schuldigen. Das ist nicht moralische Naivität, vielmehr professionelle Selbstbeschränkung. Wer einen Schuldigen benennt, hat die andere Seite längst verloren und kann nicht vermitteln.
Diese Haltung hat es im aktuellen Diskurs sehr schwer. Solange jedwede Geste sofort einem Lager zugerechnet wird, entsteht kein Raum, in dem Neues wachsen kann. Solange die Frage Wer hat angefangen? wichtiger ist als die Frage Was kann neu entstehen?, müssen junge Menschen weiter sinnlos sterben.
Karl Valentin soll einmal gesagt haben: Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen. Sie machen uns sowieso alles nach. Vielleicht ist diese Einsicht ein erster Schritt Richtung Lösung?! Mein Vater hat den Krieg überlebt. Nur deshalb konnte ich diesen Baum pflanzen, dort, wo viele andere so jung schon gefallen sind und niemanden zeugen konnten, der mich vielleicht sogar begleiten würde. Ich schreibe darüber. Was unsere Kinder daraus machen, hängt nicht davon ab, was wir ihnen sagen, sondern von dem, was wir tun, während sie uns dabei zusehen:
Wenn sie uns Bäume pflanzen sehen, werden sie vielleicht ebenfalls Bäume pflanzen.
Wenn sie uns Lager verteidigen sehen, werden sie später wahrscheinlich selbst ihr Lager verteidigen.
Wenn sie uns erleben, während wir Fronten ziehen, statt Wurzeln zu schlagen, werden sie das Gleiche tun.
Vielleicht ist das die beste Erziehung, die wir leisten können: Vorleben, was uns in eigener Verantwortlichkeit wirklich wirklich wichtig erscheint.
Vier Tage nach der Pflanzungszeremonie feierte mein Vater seinen 100. Geburtstag. Was für ein unglaubliches Geschenk im Angesicht der längst gefallenen Kameraden. Am 1. Mai hat er sich nach einer entspannten Nacht früh auf seine Reise begeben. Kurz nach meinem zärtlichen Morgengruß, bei dem ich noch nict ahnen konnte, dass es vorerst das letzte Mal sein würde.
Sein Baum aber atmet weiter. Und er und die Gefallenen durch ihn. Und er zeigt zugleich unseren Kindern, was wir selbst getan haben…
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Mehr zur tausendjährigen Eiche aus Nöbdenitz: 1000jaehrigeeiche.de
Hintergrund: Wir bauen auf Erinnerung